Wingloading-Vergleich

Speedrider vs. Fallschirm und Gleitschirm

2011-03-07 19:22 von Florian Pankarter

Wenn Du Dir den Wing-Load-Chart für Speedrider angeschaut und Deinen persönlichen Wert für Deinen bisherigen oder zukünftigen Schirm berechnet hast, kannst Du Dir anhand der DÖSV-Empfehlungen ein Bild davon machen, ob Deine Wing-Load auch Deinem Level an Erfahrung entspricht.


Damit Du das fliegerische Niveau, auf dem sich das Speedriding befindet, besser abschätzen kannst, lohnt sich der Wing-Load-Vergleich mit Fallschirmspringern und Gleitschirmfliegern. Vorab ein paar Infos zur Flächenbelastung und der maximalen Wing-Load von Speedriding-Schirmen.

Wingload-Chart für Speedrider

Flächenbelastung und Flugeigenschaften

Grundsätzlich gilt: Je höher die Flächenbelastung eines Speedriding-Schirms, desto schneller fliegt er. Steigt die Fluggeschwindigkeit erhöht sich außerdem der Staudruck im Inneren des Schirms. Das verleiht ihm auf der einen Seite Stabilität. Auf der anderen Seite reagiert er dadurch aber auch empfindlicher auf Steuerinput und Gewichtsverlagerungen. Er wird reaktiver.

Die Flächenbelastung ist also ein wichtiger Indikator für den benötigten Level an Erfahrung im Umgang mit dem Speedriding-Schirm. Der Einfluss der Flächenbelastung auf die Flugeigenschaften des Schirms ist sogar erheblich größer als der vieler konstruktionsbedingter Features. Deswegen kann es bei einer zu hohen Flächenbelastung schnell zu unerwarteten Reaktionen Deines Schirms und möglicherweise dramatischen Konsequenzen kommen. Das ist während Standard-Manövern wahrscheinlich nicht der Fall, kann aber besonders in kritischen Situationen ausschlaggebend sein. Bist Du mit der erhöhten Fluggeschwindigkeit und Reaktivität überfordert und dabei außerhalb Deiner Comfort-Zone, ist es bloß eine Frage der Zeit bis Dir etwas passiert. Der Wing-Load-Chart für Speedrider ist eines von vielen Mitteln, das Dir dabei helfen kann, Dich für die richtige Schirmgröße zu entscheiden.

Die maximale Wing-Load

Außerdem gibt es noch die maximale Wing-Load. Sie bezeichnet das maximale Ladegewicht für einen bestimmten Schirmtyp und eine bestimmte Schirmgröße und ist eine besonders im Fallschirmsport übliche Empfehlung, die von Schirmherstellern und -Konstrukteuren gegeben wird. Sie soll darauf aufmerksam machen, dass jenseits dieser Gewichtsgrenze ungewöhnliche Flugeigenschaften auftreten können – zum Beispiel ein überproportionaler Höhenverlust während Turns oder eine aggressivere  Kurvendynamik mit erhöhter Übersteuerungstendenz.

Leider haben es die Hersteller von Speedriding-Schirmen bisher nicht geschafft, diese Größe als Standard in ihren Manuals und Technikblättern zu etablieren. Es ist deshalb umso wichtiger, dass Du Dir eigenverantwortlich Gedanken darüber machst, wie hoch Du Deinen Schirm beladen willst. Es gibt viele erfahrene Speedrider, die Dir anstelle der Hersteller bei dieser Entscheidung helfen können und dazu auch gerne bereit sind. Vergiss nicht, zu fragen!

Fallschirme und Speedrider im Wing-Load-Vergleich

Obwohl die Konstrukteure von Speedriding-Schirmen sich eine Vielzahl an Schirmeigenschaften aus der Gleitschirmwelt geliehen haben, ist der Einfluss des Fallschirmsports auf das technische Design im Speedriding-Sport groß. Das äußert sich neben dem mono-konvexen Profil (das erheblich zur Stabilität beiträgt) und er Leinenlänge besonders in der Schirmgröße – und dadurch auch in der Flächenbelastung.

Gewöhnliche Sprungfallschirme befinden sich in der Regel in einem Größenbereich zwischen 7m2 und 27m2, wobei große und behäbige Schulungs- und Formationsgeräte in der Regel oberhalb der 20er-Marke aufzufinden sind. Alles was kleiner als 10m2 ist, wird nur von den Spitzensportlern im Fallschirm-Sport geflogen (und das bedeutet in der Regel mehrere tausend Sprünge). Speedriding-Schirme mit ihren Flächen zwischen 8 und 15m2 siedeln sich also im unteren Segment dieser Größenskala an. Die Schirmgrößen von Speedriding-Piloten ähneln somit denen von „fortgeschrittenen“ und „erfahrenen“ Fallschirmspringern – und das bereits im Anfänger-Bereich!

Der Deutsche Fallschirmsportverband  (DFV), der seit fast 20 Jahren Vertreter der Interessen von Fallschirmspringern in Deutschland ist, gibt in seiner Wing-Load-Tabelle folgende Empfehlung in Bezug auf Schirmgröße und Erfahrungsgrad:

  • Anfänger (bis 200 Sprünge) sollten mit einer maximalen WL von 1,30 springen
  • Fortgeschrittene (bis 600 Sprünge) sollten mit einer maximalen WL von 1,50 springen
  • Erfahrene (über 600 Sprünge) können nach Schulung mit einer WL über  1,50 springen

Wenn man die Wing-Load-Werte für Speedrider aus dem metrischen System überträgt, kommt man zu folgendem Vergleich zwischen der empfohlenen max. Wing-Load für die verschiedenen Erfahrungslevel:

Wing-Load-Vergleich

Fallschirmsport und Speedriding-Sport

DFV-Empfehlung

DÖSV-Empfehlung

Anzahl Sprünge

Max. Wing-Load

Anzahl Rides

Max. Wing-Load

Anfänger

bis 200

1,30

bis 500

1,5

Fortgeschrittene

bis 600

1,50

bis 2.000

2,0

Erfahrene /Experten

über 600

> 1,50

über 2.000

2,3

Wenn Du Dir das Ergebnis genauer anschauen willst, kannst Du Dir die entsprechenden Dokumente von der Verbandswebsite herunterladen:

  • DÖSV Wing-Load-Chart für Speedrider (Metrisches System)
  • DÖSV Wing-Load-Chart für Speedrider (US / EN System)
  • DFV Flächenbelastungstabelle für Fallschirmspringer

Beim Vergleich fällt sofort auf, dass Speedriding-Piloten sich bereits in der Anfängerphase in einem Flächenbelastungsbereich befinden,  den der DFV als fortgeschritten betrachtet – und das bei erhöhten sportlichen Anforderungen durch die Komplexität von gleichzeitigem Skifahren und Schirm-Handling!

Das ist anders auch kaum möglich, denn es gibt keine Speedriding-Geräte auf dem Markt, die über eine Schirmgröße jenseits der 15er-Marke verfügen.Würde man den vom DFV vorgeschlagenen max. Wing-Load-Wert auf das Speedriding anwenden dürften nur Piloten, die weniger als 80KG wiegen überhaupt erst in den Sport einsteigen.

Da Du Dich auch mit einem höheren Gewicht sicher nicht davon abhalten lässt, Speedriding auszuprobieren, solltest Du Dir des zusätzlichen Risikos bewusst sein und entsprechend vorsichtig beim erstmaligen Gebrauch eines Speedriding-Schirms vorgehen.

Sei Dir darüber im Klaren, dass die höhere Flächenbelastung die Flugeigenschaften eines Schirms erheblich beeinflusst: Die Fluggeschwindigkeit erhöht sich, Abhebe- und Landestrecke werden länger, die Sinkrate wird größer, der Schirm reagiert empfindlicher auf Gewichtsverlagerungen und Steuer-Input, die Turns werden dynamischer, und so weiter …

Wenn Du Dich für die genauen Auswirkungen eines kleineren Schirms interessierst, kannst Du in diesem Artikel mehr zu diesem Thema lesen:

Gleitschirme und Speedrider im Wing-Load-Vergleich

Gleitschirme haben eine Fläche, die 2- bis 3-mal so groß ist wie die eines Speedriding-Schirmes. Demzufolge treten im Gleitschirmsport bei einem Startgewicht zwischen 70 und 110KG in der Regel Flächenbelastungswerte von lediglich 2 bis 5 auf (metrisches System!). Anhand der unterschiedlichen Range der Wing-Load-Werte (Gleitschirmsport: 2-5; Speedriding: 5-12) erkennt man, dass eine Veränderung der Schirmgröße (zum Beispiel beim Kauf eines neuen Geräts) an kleinen Schirmen größere Auswirkungen auf die Wing-Load hat als an großen Schirmen.

In der Speedriding-Praxis bedeutet das: Wenn Du den verhältnismäßig sanften Umstieg von einem 15er- auf einen 13er-Speedrider gewohnt bist, darfst Du Dich bei Deinem nächsten Schirm (einem 11er) nicht wundern, dass er noch viel aggressiver fliegt als Du es erwartest. Das liegt daran, dass das Dein Startgewicht auf einer im Verhältnis immer kleineren Fläche verteilt werden muss und dadurch einen überproportionalen Effekt hat.

Dieser Effekt ist sogar noch um ein vielfaches ausgeprägter, wenn Du als Gleitschirmflieger das erste Mal mit einem Speedriding-Schirm fliegst und Deine Flächenbelastung dabei mindestens verfünffachst. Es kann schnell passieren, dass Du selbst als erfahrener Gleitschirmpilot mit den höheren Anforderungen an Reaktion und Konzentration überfordert bist, Situationen fehleinschätzt und falsche Entscheidungen triffst. Lass Dich auf jeden Fall von einer qualifizierten Speedriding-Schule darin einweisen, wie Du das neue Gerät sicher bedienst.

Auswirkunugen von Downsizing auf die Flächenbelastung - Vergleich Gleitschirm, Speedflying-Schirm, Speedriding-Schirm

Anhand dieser Grafik kannst Du erkennen, dass der Effekt einer Schirmgrößenveränderung im unteren Größenbereich, um ein vielfaches ausgeprägter ist als im oberen. Wenn Du ein Gleitschirmflieger bist, der den Umstieg auf ein kleineres Gleitschirm-Modell gewohnt ist, dann musst Du Dich auf eine radikale Erfahrung gefasst machen, wenn Du das erste Mal einen Speedrider benutzt.

Aber auch, wenn Du ein Speedrider bist, der sich zum zweiten Mal einen kleineren Schirm zulegt, solltest Du doppelt vorsichtig sein. Du wirst durch den überproportionalen Anstieg der Flächenbelastung einen unerwarteten Anstieg in Reaktivität Deines Schirmes und Dynamik des gesamten Systems verspüren. Am besten Du bereitest Dich auf diese Situation durch viel Übung mit gezielten Flugmanövern und durch bewusste Fliegen gut vor!

Know your Limits! Stay safe!

Zurück